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„Das Greifswalder „Seelenregister“ von 1717:

Gefördert von der Gerda Henkel Stiftung
Bearbeiter: Sarah Brauer, Christian Kersten, Prof. Dr. Stefan Kroll
 

Schwedisch-Pommern wurde in den Jahren 1711 bis 1715 Kriegsschauplatz im Rahmen des Großen Nordischen Krieges. Am 23. Dezember 1715 kapitulierte mit der Festung Stralsund der letzte schwedische Stützpunkt in Pommern. Die miteinander verbündeten Truppen der Preußen, Dänen und Sachsen hatten gesiegt. Die Stadt Greifswald wurde zusammen mit dem nordwestlich der mittleren und unteren Peene gelegenen Teil Vorpommerns dänischer Verwaltung unterstellt. Obwohl die dänische Herrschaft letztendlich nur bis 1720 andauern sollte, gingen die neuen Machthaber zunächst von einer dauerhaften Okkupation aus. Um Informationen über den Zustand der neu gewonnenen „Provinz“ Vorpommern zu sammeln, ließ der dänische Staat das Land bereisen und eine vollständige Lustration (Musterung, Aufnahme) der ganzen Provinz erstellen. 1717 wurden alle Städte, Ortschaften, Ackerwerke und Höfe von einer Kommission begutachtet, die eigens für diesen Zweck gebildet worden war. In den Städten wurden vom jeweiligen Magistrat Anzahl und Zustand der Gebäude, die städtischen Finanzen, Umfang und Beschaffenheit der kommunalen Ländereien, der Besitz an Vieh, die Einwohner sowie die von ihnen ausgeübten Berufe erfasst und die Angaben vor der Regierung beeidet.  

In diesem Zusammenhang wurden auf Befehl der Lustrationskommission in einigen Städten so genannte „Seelenregister“ ausgearbeitet, in denen nicht nur – wie sonst bei Steuerlisten und anderen Verzeichnissen der Bevölkerung zumeist üblich – die Haushaltungsvorstände, sondern sämtliche Mitglieder des Haushalts aufgeführt wurden. Das von der dänischen Krone veranlasste „Seelenregister“ von 1717 ist die früheste Quelle, die die Bevölkerung der Universitätsstadt Greifswald vollständig verzeichnet. Es befindet sich in je einem Exemplar im Dänischen Reichsarchiv Kopenhagen sowie im Stadtarchiv Greifswald und ist bisher von der Forschung nahezu unbeachtet geblieben.  

Die Edition und wissenschaftliche Auswertung dieser ungewöhnlich detaillierten historisch-demographischen Quelle erlangt ihren besonderen Wert insbesondere dadurch, dass unter Anwendung prosopographischer Methoden eine vielfältige Verknüpfung mit anderen seriellen und deskriptiven Quellen möglich ist. Dazu zählen unter anderem ein ebenfalls 1717 erstelltes Kataster aller Wohngebäude der Stadt, eine Sammlung von ausführlichen Suppliken der Einwohner sowie die wenige Jahre zuvor durchgeführte Beschreibung und Vermessung sämtlicher Grundstücke der Stadt im Rahmen der so genannten schwedischen Landesaufnahme. Eine derartige Häufung und Konzentration miteinander kombinierbarer Quellen ist für die archivarische Überlieferung frühneuzeitliche Städte eine sehr seltene Ausnahme. Die Zusammenführung der Quellen mit Hilfe der Methode der personenbezogenen Verknüpfung lässt unter anderem weiterführende Aussagen zur parzellengenauen räumlichen Verteilung der gesamten Bevölkerung (Sozialtopographie), zur Erwerbsstruktur, zur Haushalts- und Familienstruktur, zur Qualität der Wohngebäude und zur Verbreitung der städtischen Armut zu.  

Das Projekt ermöglicht auch über die lokalhistorische Dimension hinaus wesentliche neue Erkenntnisse, denn die Stadt Greifswald wies durch die Angehörigen ihrer Universität (die zweitälteste im gesamten Ostseeraum), durch die einquartierte Garnison und durch die Bediensteten der dänischen Verwaltung hinsichtlich ihrer – international zusammengesetzten – Einwohnerschaft eine besonders große Vielfalt auf.  

An dieser Stelle wird die zentrale Quelle zunächst durch eine Online-Edition dauerhaft der Wissenschaft zugänglich gemacht. Die wissenschaftliche Auswertung wird voraussichtlich Ende 2012 als kleinere Monographie in der Reihe „Kleine Stadtgeschichte“ (LIT-Verlag, Münster) erscheinen.

 

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Bearbeiterin: Sarah Brauer

Das Greifswalder Seelenregister wurde im September 1717 angefertigt. Je ein annähernd identisches Exemplar ist im Reichsarchiv Kopenhagen [Rigsarkiv Kopenhagen, Midlertidigt besatte lande, Regeringskancelliet i Stralsund, Arkiv-Nr. 574, Nr. 62 B] und im Stadtarchiv Greifswald [StadtA HGW, 3, 83] überliefert. Es ist weitgehend in tabellarischer Form angelegt und in deutscher Sprache verfasst. Die Quelle umfasst insgesamt 52 Seiten. Sie ist zunächst nach Straßenzügen und dann nach einzelnen Haushalten unterteilt. Die Erfassung der Haushaltsangehörigen erfolgt in 13 verschiedenen Spalten („Hausväter“, „Hausfrauen“, „Söhne“, „Töchter“, „Neugebohrene Kinder unter 12 Jahren“, „Gesellen und Knechte“, „Mägde und Ammen“, „Mägde“, „Jungen“, „Mädchen“, „welche bei den Leuten wohnen“, „deren Jungen“, „deren Mädchen“ und „Waisen“). Das Seelenregister enthält zusätzliche Informationen zur städtischen Armut, es werden des Öfteren ergänzende Angaben wie „arme Leute“, „arme Witwe“ oder „ganz ohne Mittel“ gemacht. Neben den Bewohnern der Vorstädte sind auch die in Fürsorgeeinrichtungen wie dem „Hospital St. Georgie“ oder dem „Elendhaus“ lebenden Menschen erfasst worden. Die Edition des Seelenregisters erfolgt auf der Basis einer buchstabengetreuen Transkription der Quelle, wobei Groß- und Kleinschreibung Beachtung finden und Abkürzungen im Text aufgelöst werden.

Die Online-Edition des Greifswalder Seelenregisters ist unter folgender URL zu finden: http://www.philfak.uni-rostock.de/IMF/Greifswalder_Seelenregister 

 

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